„Schilderwald“ – Photographien aus einem Garten

„sehr giftig“, © Foto: GGV

Es war tatsächlich eine Überraschungserlebnis, dass ich eines Tages bei einem herbstlichen Ausflug in ein wahres Eldorado der Schilder geriet – mitten in der Stadt, an völlig unerwartetem Ort und quasi mitten in der Natur. Eine kleine Schilderwelt eigener Provenienz in einem der schönsten Parks der Stadt. In einem Garten, den ich schon lange kannte und schätzte – aber den ich plötzlich ganz anders sah, als mir auf abgeräumtem grau-kaltem Ackerbeet völlig unvermittelt eine große Tafel mit der bedrohlichen Aufschrift „PARASITEN“ gegenüberstand. Ziemlich aufgeschreckt entdeckte ich nicht weit entfernt ein bei mir reichlich unpassende Assoziationen weckendes „HÄNGEFORMEN“, woraufhin mich dann die puritanische Warnung “GENUSSMITTEL“ auch nicht mehr besonders wunderte. Wie die viel zitierten „Schuppen“ fiel es mir von den Augen (obwohl mir das berühmte Sprachbild nach wie vor unverständlich ist): Dieser Garten besteht gar nicht aus Blumen, Pflanzen, Sträuchern und Bäumen, wie auch ich lange geglaubt hatte. Nein, er besteht vor allem aus Schildern, sogar aus sehr vielen Schildern. Ein wahrer Schilderwald. Ein Schildereldorado, in dem sich – was den Naturfreund beruhigt – noch einige wenige Pflanzen, eine Grüppchen possierlicher Eichkatzen (Sciurus vulgaris), fünf bis sechs pigmentgestörte Goldfische (Carassius gibelio, vielleicht waren es aber auch Kois = 錦鯉, es gab keine Schilder für sie) und das ehrfurchtgebietend ummooste Denkmal des Gartengründers (Karl Eberhard von Goebel) versteckt halten.

„Parasiten“, © Foto: GGV

 

 

 

 

 

 

„Nichts berühren“, © Foto: GGV

Der Leser weiß natürlich längst, welcher Garten gemeint ist: der Botanische Garten der Stadt München in Nymphenburg. Und nach der Entdeckung der wahren, sich aber nur dem hermeneutisch geschulten Entdecker erschließenden tiefgründigen Eigenschaft des Botanischen Gartens verbrachte ich dort immer wieder viele Stunden und konnte mich nicht sattsehen an den herrlichen Hinweisen, Aushängen und Ankündigungen, den strengen Warnungen, Verboten und Ermahnungen, den vielfältigen belehrenden, informierenden und gelegentlich auch reichlich kryptischen Texten (Merke: Nicht nur Soziologen schreiben komplizierte Sätze!) auf zum Teil anrührend altmodischen und romantisch verwitterten Emailtafeln und -täfelchen. In den letzen Jahren entstand daraufhin eine umfängliche Sammlung von Photos, aus der hier eine kleine Auswahl präsentiert wird. Für mich persönlich war dies der Ursprung der Beschäftigung mit dem Thema „Schilder“, das mich seit dem begleitet.
Falls dem Betrachter oder der Betrachterin eine leise Ironie in den Photos auffallen sollte, möche ich betonen, dass sie nicht von mir hinzugefügt wurde. Bestenfalls wurde das eine oder anderen ein wenig hervorgehoben, durch die Perspektive und die Ausschnitte – wie es so ist, bei der Photographie. Und dieses leise Schmunzeln, das auch mich befällt ist genau genommen nicht anderes als eine ungewöhnliche Liebeserklärung an einen wunderschönen Ort der Ruhe und der Besinnlichkeit, Und es ist eine Aufforderung, den Garten zu besuchen – gerade auch dann, wenn nichts blüht, grünt und duftet und überall wimmelt und wuselt von Bienen, Blütenpollen und Besuchern.

mehr: Michael Ruoff – „Denkbilder oder die Sprache im Garten(Ein Essay zur Photoserie)

„Schilderwald“ (Serie mit 30 Slides; © Fotos: GGV)