Persönliche Leitlinien der wissenschaftlichen Arbeit

Kursberg Outdoor 2009 32 sw

Sommerschule für Doktoranden 2009 – Outdoortraining. Foto: privat

  • Im Zentrum meines soziologischen Interesses steht (in enger Verbindung mit einer „subjektorientierten“ Forschungsperspektive) das unmittelbar von Gesellschaft betroffene und mit seinen Tätigkeiten Gesellschaft konstituierende lebendige und damit sinnlich-körperliche (und nicht nur „Sinn“ verwendende) „Subjekt“. Die „Arbeit“ der Menschen in einem weit verstandenen Sinne stellt dabei eine besonders beachtete Sphäre der Tätigkeiten dar. Diese persönliche und dann auch wissenschaftliche „Haltung“ möchte ich in Anlehung an wichtige geistesgeschichtliche und zivilisatorische Traditionen als humanistisch beschreiben.
  • An der Gesellschaft interessiert mich vor allem der konkrete praktische Alltag der Menschen, mit seiner Vielfalt und Eigensinnigkeit, dem Leiden und Genießen, den Widersprüchen und auch Absurditäten. Dazu gehört auch das Verhältnis der Menschen zu den sie umgebenden und von ihnen genutzten materiellen Artefakten, den „Dingen“ und „Geräten“. In dieser Hinsicht verstehe ich mich auch als Technik-Soziologe.
  • Die Theorie der Gesellschaft ist anregender und unverzichtbarer Teil jeder (und auch meiner) Soziologie – die Praxis des wirklichen Lebens in der Gesellschaft ist aufregend und unausweichlich.
  • Soziologie hat einen wichtigen gesellschaftlichen Auftrag und ist insoweit immer auch politisch, was aber keine enge Bindung an spezifische Interessenpositionen bedeuten muss. Politische und intellektuelle Unabhängigkeit ist für mich ein hoher Wert.
  • Ich verstehe mich in und mit meiner Arbeit durchaus als berufsmäßigen „kritischen Kritiker“ (nicht nur „nach dem Essen“ …wie Karl Marx meinte) der Verhältnisse, in denen wir und andere leben. „Gesellschaftsdiagnose“ auf der Basis von Gesellschaftstheorie ist ein wichtiges, aber keineswegs leicht umzusetzendes Anliegen dessen, was ich unter Soziologie verstehe.
  • Adressat meiner Arbeit ist nicht nur die Wissenschaft. Es ist auch Aufgabe der Soziologie, sich der Öffentlichkeit zu vermitteln und soziologische Informationen, Deutungen, Diagnosen und eben auch kritische Stellungnahmen und Prognosen zur Verfügung zu stellen („Public Sociology“) – nicht nur den direkten Nutzern soziologischen Wissens (z.B. Organisationen, in denen Arbeitssoziologen forschen), sondern z.B. auch Instanzen, die Wissen und Deutungen vermitteln. Mit öffentlichen Medien zusammenzuarbeiten, betrachte ich in diesem Sinne als spannende Herausforderung – den Formen, Funktionsweisen und Wirkungen der Medien gilt auch von daher mein professionelles Interesse.
  • Der unmittelbare persönliche Bezug zu den ‚lebendigen‘ Subjekten soll nicht zuletzt auch die eigene Praxis von Forschung und Lehre, das öffentliche Wirken sowie den Stil der kollegialen Kooperation und der Führung unterstellter Bereiche und Personen bestimmen. Gerade hierbei verdanke ich viel dem Vorbild von Karl Martin Bolte.
  • Die Zeit als Berufsoffizier (die ich dann aus persönlichen und politischen Gründen beendet habe), mit komplexen und unvermeidbar auch ambivalenten Erfahrungen in einer Phase tiefgreifender politischer und kultureller Veränderungen (Vietnamkrieg, Studentenbewegung, Ostpolitik, Übergang zu einer sozialliberalen Politik mit Willy Brandt), hat in vielfacher Hinsicht zu meiner wissenschaftlichen Haltung beigetragen.