Regionale Verbundenheiten

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Im Karwendel (mit PIA-KollegInnen Anna, Margit, Tom). Foto: privat/unbekannter Mit-Wanderer

Ich lebe seit vielen Jahren in München. Seit Jahrzehnten bin ich im Alpenverein (inzwischen mit Treuemedaille für den Filzhut), schätze Biergärten und durchaus manchmal eine „Halbe“ oder zwei  (Hofbräu, Augustiner, Tegernseer, manchmal Andechser .. und neuerdings auch Giesinger). Ich mag Weißwürste, süßen Senf, Brezen, Obatzten und Lüngerl (Hirn- und Milzwurst nicht ganz so). Ich trage aber selten Tracht und mein Bayerisch ist grauenhaft (das teile ich mit den meisten Münchnern). Kurz: Ich lebe zwar in Bayern bin aber keiner „von da“. Man merkt dies auch daran, dass mir das Oktoberfest ziemlich auf den Geist geht (und während der zwei Woche trage ich als stillen Protest keine Lederhose … wie auch sonst), nie richtig Skifahren gelernt habe und weder den einen noch den anderen ortsansässigen Fußballclub verehre – wie mir überhaupt Massensportarten aller Art unangenehm sind.
Trotz einer faktisch rheinischen Herkunft bin ich mit Karneval nie warm geworden und meine gelegentlichen Versuche, so zu tun, als ob ich Platt sprechen könnte klingen nur für Nicht-Rheinländer authentisch (ausser das nicht zu unterdrückende rheinische „schhhh“). Gleichwohl hat mich der Ort in dem ich während der 1950er und 60er Jahre aufgewachsen bin (Übach-Palenberg, NRW) durch seine eigenartige Mischung aus bäuerlichen Strukturen und einer Kohlegrube mit ihrer industriellen Arbeiterbevölkerung geprägt. Wohl auch deswegen, weil mein Vater durch sein kleines „Baugeschäft“ mit beiden Seiten engen Kontakt hatte. Dass massive Kriegsschäden und englische Besatzungsstreikräfte fast zum täglichen Strassenbild gehörten, runden das zeittypische Bild ab.
Auf der anderen Seite hat auch das benachbarte Holland Spuren hinterlassen. Ohne Matjes und Gouda kann ich etwa kaum leben. Das zeigt, dass die Niederlande mit ihrer altlantisch weltoffenen wie zugleich manchmal spießig calvinistischen Atmosphäre und der regelmässig besuchten Nordsee Wirkungen hatte. Dass die Sehnsucht nach dem Meer nur selten befriedigt wird und meine Leidenschaft für alles was darauf fährt, ob mit oder ohne Segel, rein platonisch geblieben ist (von einigen kurzen Affairen abgesehen …) wird wohl auf immer mit Trauer verbunden sein. Die enge persönliche Verbindung zur Abteilung „Schiffahrt“ des Deutschen Museum ist da nur ein geringer Trost. Als bescheidener Ersatz ist mein Alltagsbier friesisch herb (aber „Jever light“ …).

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Adria – Suche nach dem Wetterbericht. Foto: privat

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Adria – 5 Beaufort. Foto: GGV

Immerhin gibt es eine laienhafte Kriminalgeschichte, in der die mich prägende biographische Zerrissenheit zwischen Meer und Bergen (und in der Geschichte zusätzlich zwischen Katholizismus und Scientivismus) aufgearbeitet wurde. Vielleicht werde ich sie einmal hier hochladen.

 

 

 

 

Wenn jemand fragen sollte, ob ich auf das Land, in dem ich zufälligerweise geboren wurde stolz bin, oder es gar „liebe“ (was erfreulicherweise noch niemand gefragt hat), würde ich antworten, dass ich mit beiden Gefühlen in Bezug auf Länder oder gar Staaten nichts anfangen kann. Im Sommer 2015 merkte ich gleichwohl zu meiner Überraschung, das ich darüber nachdachte, ob ich vielleicht auf die Stadt stolz sein sollte, in der ich derzeit lebe. Ich halte es aber eher so: Ich bin sehr froh in einer (meistens) gut alt-sozialdemokratisch regierten Stadt und in einem (halbwegs) zivilisierten demokratischen Land zu leben. Auch weil beide nach und nach (mühsam) gelernt haben, sich ihrer üblen Vergangenheit zu stellen und daraus zukunftsweisende Schlüsse zu ziehen. Dass dies zunehmend Menschen hier und dort anders sehen, besorgt mich maßlos.